Die BLB ist voll. Es muss Prüfungszeit sein. Von dritten Stock aus hat man einen sehr guten Blick hinab in den Lesesaal. Alle Tische sind besetzt. Fleißig liegen die Arbeitsmaterialien auf den schönen Tischen. Dazu, wie es sich gehört Laptops, Handys und anderes. Man richtet sich ein in der Bibliothek, die doch kein Lernraum, sondern ein Arbeitszimmer ist. Aber zuhause kann man nicht lernen, das ist klar. Da wird man doch ständig abgelenkt: Fernsehen, Radio, das Handy klingelt ständig, man kann die Finger von Facebook und Co. nicht lassen. So kommt man natürlich zu nichts. Hier geht’s besser.
Klar, Haiti wird dieser Post nicht helfen. Immerhin ist die Nachricht der Katastrophe bis zu uns gedrungen und viele spenden, um zu helfen. Da kann man sich doch mal im Namen der Humanität bei den Medien bedanken, oder? Danke, dass stündlich weitere Horrormeldungen generiert werden. Danke, dass ich noch ein Live-Interview vom Schauplatz der Katastrophe bekomme, in dem auch nichts Neues berichtet wird als vor 10 Stunden. Wer versorgt eigentlich die ganzen Reporter?
Die Nachrichten schreiben vom Sturmtief Daisy. Das Land versinke im Chaos, von Schneechaos ist die Rede, ja sogar zu Hamsterkäufen wird von Experten geraten. Und außerdem zeigt RTL auch noch den Endzeit-Porno “The day after tomorrow”. Da funktioniert die Mechanik der Panikmache wie ein Uhrwerk. Hand in Hand, quer durch die Medienlandschaft wir der Untergang prophezeit, mal wieder. Dass es auch diesmal keiner ist, ja dass der Sturm harmloser blieb, als von den vielen Experten vorhergesagt, ist im Grunde ja auch nebensächlich. Hauptsache die Schlagzeile stimmt.
Ich gebe zu, dass ich mittlerweile fast alle Bücher online kaufe. Manchmal beschleicht mich da ein bischen ein schlechtes Gewissen. Man sollte doch den lokalen Buchhändler unterstützten. Ehrlich gesagt gibt es in meiner Umgebung keinen solchen Buchhandel mehr. Und wenn es einen gäbe, dann wäre das Sortiment wohl dem der großen Buchsupermärkte so weit angepasst, dass ich dort ohnehin nicht das finde, wonach ich nicht gesucht habe. Denn wer sucht schon in einem Buchladen. Man geht dorthin, um zu finden.
Der gemütliche Bereich des Kleinbürgers ist der Versuch, das Unvorhersehbare, das Unkalkulierbare, kurz das Chaos, zumindest aus dem privaten Leben zu verbannen. Die Wohnungstür, die Werkstadt vielleicht noch Stadtviertel oder Dorf sind die Bannmeilen, aus denen man das Chaos vertrieben wissen will, innerhalb derer es gesittet, ruhig und vor allem geordnet zugehen soll. Das Leben folgt klaren Regeln, es ist klar geregelt und wenn das ungehorsame Schicksal trotz der Menge an Verbannungsmagie zuschlagen sollte, so kann man sich heutzutage wenigstens gegen die Folgen versichern.
Ah, sieht schön aus hier.
Der Gedanke, das Blog auf “neutralem” Boden weiterzuführen, stand schon einige Zeit im Raum, aber aufgrund mangelnder technischer Kompetenz meinerseits zögerte ich. Seit Kurzem sind wir also Gast auf homberles server. Mit dem Umzug haben wir sicherlich ein Stück Unabhängigkeit gewonnen. Damit folgen wir einem der Grundprinzipien des Internets, wie ich es verstehe. Unabhängigkeit, ja Freiheit kann uns Google nicht bieten.
So war ich also letztens nach langer Zeit mal wieder da. Als ich von der stark belebten Straße, die die Massen ins ECE-Center schleust, in den viel ruhigeren Vorraum kam, fiel mir auf, wie sehr ich die Atmosphäre hier drin vermisst habe. Die arbeitsame Ruhe im Lesesaal, das mit gedämpfter Stimme geführte Gespräch. Wie damals war ich von den schier endlosen Gängen beeindruckt, die durch die Bücherregale führen. Früher war ich mehrmals in der Woche hier, um zu recherchieren, kopieren, auszuleihen und zurückzugeben, aber oft auch einfach nur um zu lesen. Wenn mir langweilig war, weil ich zum Beispiel auf ein bestelltes Buch 45 Minuten warten musste, das es erst aus dem geschlossenen Archiv geholt werden musste, schlenderte ich durch die Gänge des offenen Magazins. Vom Zufall geführt blieb ich an einem Regal stehen, weil ein besonderer Einband meine Aufmerksamkeit auf sich zog, ein Buch besonders groß war oder einfach weil auffällig viele blaue Bücher in einem Regal standen. Ich zog blindlings Bücher aus den Regalen und las mindestens das Vorwort, soweit ich es verstand. Manchmal fand ich etwas, das mich so faszinierte, dass ich es auslieh. Meist aber war ich dort, um wichtige Literatur zu beschaffen, die notwendig war, um eine Hausarbeit, wie immer in letzter Minute, fertigzustellen.
Irgendwann kommt man in ein Alter, wo die Leute um einen herum anfangen, Familien zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen. Man könnte fast meinen, das sei eine Mode und der eine will, was der andere schon hat. So wie zum Beispiel vor ein paar Jahren jeder unserer individuellen, sich selbst verwirklichenden Mitmenschen auf einmal unbedingt nach Vietnam oder Thailand reisen musste. Als ob es dort was umsonst gegeben hat. Aber das ist ein ganz anderes Thema (über das man sich aber auch mal Gedanken machen könnte).
Was passiert denn, nachdem nun die “gebildeten” Zeitgenossen ihren Nachwuchs bekommen haben? Man schreibt eine E-Mail an Freunde und Bekannte und am besten auch solche, die beides nicht oder nicht mehr sind und die frohe Botschaft trotzdem mitbekommen sollen. Knapp werden die wichtigsten Details zur Geburt angegeben: genauer Zeitpunkt der Geburt, wie groß, wie schwer etc. Und natürlich dass Mutter und Kind wohlauf sind. Das ist immerhin die wichtigste Information.
Nach ausgiebiger Probefahrt gegen die alte Maschine eingetauscht.

Ok, mein Handy ist eben kein Ersatz für eine vollwertige Kamera. Also entschuldige ich mich mal wieder für die mangelhafte Qualität des Fotos. Dennoch kann man vielleicht erkennen, wie grandios die Location in Tübingen war. Mitten im Wald inklusive “Naturtribüne” in Form eines Hügels. Klasse Atmosphäre, großes Konzert. Allein die Location ist es wert, sich ein Konzert im
Sudhaus in Tübingen anzuschauen. In diesem Sinne “In Poison street we’ll go crashing through the walls that history made for us”.

Das schlechte Foto zeigt die Messe in KA. Neben dem Burgfest das zweite große Ereignis in KA am Pfingstwochenende. Aus der ganzen Stadt, aus dem ganzen Landkreis strömten die Leute in die Oststadt, um teilzunehmen und mitzumachen. Hauptsache es blinkt, macht Spaß und schmeckt. Das darf man nicht verpassen. Schließlich will man dazugehören und was zu erzählen haben. Vom zähen, aber zuckersüßen Brei der massentauglichen Unterhaltung will jeder was abhaben. Soviel, bis einem schlecht wird.
Ab heute wird dann wieder gemosert und sich beklagt über die da oben, die sich die Taschen vollstopfen auf Kosten des kleinen Mannes. Aber das ist nur der Kater. Und der verschwindet bald in der Vorfreude auf das nächsten Highlight.
Brot und Spiel in der Krise. Ja, aber mit einem bedeutenden Unterschied zum alten Rom. Damals zahlten die Kaiser die Zeche für Spannung, Spiel und Unterhaltung, heute bezahlt jeder für sich. Man trinkt also von dem Kakao durch den man gezogen wird, trotz Kästners Warnung.
Juvenal schrieb einst, dass das Volk, das Ruhm, Ehre und Macht verliehen hatte, nun stillhalte und in banger Sorgen seinen Blick nur noch auf zwei Dinge richte: Brot und Spiele.
Allerdings war damals die Republik bereits Geschichte und ihre überkommenen Traditionen nur noch leerer Prunk. Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir scheißen auf unsere Probleme, solange wir uns den Rummel leisten können und verkaufen so für ein Stück Zuckerwatte unsere Freiheit und unsere Macht.
Wenn ich das Buch nur im Ansatz verstanden habe, mehr zu behaupten ist vermessen, dann wäre eine Rezension der absolut falsche Weg, das Buch vorzustellen. Es wartet solange, bis man von selbst auf es stößt oder einem ein anderer davon im Stillen berichtet. Es ist ein Buch für wenige.
Wer das Geheimnis entdecken will, muss sich selbst auf die Suche machen.
Also flüstere ich den beiden Lesern leise zu: lest dieses Buch.
Nach all den dunklen Geschichten hier mal eine, die ein schönes Ende hat.
Über mythologische Bezüge und Analogien in diesem Video müsste man mal genauer nachdenken.
Der Film hat, wenn ich richtig informiert bin, auch einige Preise bei entsprechenden Festivals gewonnen, was für die Beurteilung seiner künstlerischen Qualität natürlich völlig unerheblich ist.
“Morgen, und morgen, und dann wieder morgen,
Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag,
Zur letzten Silb’ auf unserm Lebensblatt;
Und alle unsre Gestern führten Narr’n
Den Pfad des stäub’gen Tods. Aus! kleines Licht! -
Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild;
Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein Stündchen auf der Bühn’, und dann nicht mehr
Vernommen wird: ein Märchen ist’s, erzählt
Von einem Dummkopf, voller Klang und Wut,
das nichts bedeutet. -”
(Shakespeare, Machbeth, V,5)
Auch wenn das hier ein sehr dunkles Stück des verzweifelten Machbeth ist, den nichts mehr erschüttern kann, der auch den letzten Schlag schon kommen sieht und ihm nicht mehr ausweichen will, eine Stelle, die Macbeths dunklen Realismus abschließend kennzeichnet, nach dem Realität die Einsicht in die Sinnlosigkeit des menschlichen Tuns sei, findet sich doch in jedem Stück von Shakespeare das Edle, Gute, Schöne, Heitere mit dem Verwerflichen, Bösen, Dunklen untrennbar vermischt.
Man denke an die jungen Prinzen in Richard III, an Malvolio, dem man aus Spaß übel mitspielt in “Was ihr wollt”. Die Liste der Beispiele könnte beliebig verlängert werden. Wenn die dramatische Kunst je wirklich so etwas wie eine Katharsis beim Zuschauer auslösen konnte oder noch immer kann, dann hier bei Shakpespeare. Die Einsicht in die unauflösbare Vermischung von Gut und Böse, von Heiterem und Traurigem in ein und demselben Moment, hindert den Glücklichen (am Verblöden) daran, seinen Bezug zu Welt zu verlieren, und sie hilft ebenso dem Verzweifelten dabei, den Regenschirm dennoch mitzunehmen, auch wenn es egal sein mag, ob man nass wird oder trocken bleibt.
Nach einer “neopaganen” Tanzveranstaltung im Kulturzentrum “Tempel” e.V, (mehr dazu demnächst) durfte ich unfreiwillig an der Weihnachtsfeier einer Versicherung teilnehmen. Ein Kellner platzierte uns versehentlich im Vorraum einer Gaststätte, in der gegen 23 Uhr noch eine geschlossene Gesellschaft eintraf. Wir fanden uns also zwischen zwanzig und dreißig geschniegelten Personen, vor denen ein seriöser Mann mittleren Alters, offensichtlich der Bereichsleiter hier in der Gegend, die erste von mehreren Reden hielt. Darin war hauptsächlich die Rede von Zahlen, so und so viele Millionen Umsatz in diesem Bereich, so und so viel Prozent mehr in jenem. Danach wurden die drei besten Mitarbeiter, d.h. diejenigen, die den meisten Umsatz gemacht haben, gelobt, gepriesen, vom Chef beschenkt und den anderen Subalternen beklatscht.
Danach sprach ein Abgesandter aus München, zum Schluss noch irgendeiner oder waren es zwei? In ihren Uniformen kaum auseinander zu halten konnte man sie höchstens an den Krawatten unterscheiden.
Im Grunde eine lächerliche Veranstaltung, die jedes Klischee bestätigt hat, vor allem im Hinblick auf das widerwärtige Gebaren dieser Leute. Neben der platten RTL-Rhetorik “Du hast einen guten Job gemacht”, fiel immer wieder das Wort “Produktion”.
Wikipedia verzeichnet zu dem Begriff folgendes:
“Produktion, (v. lat.: producere = hervor führen), Fertigung, Fabrikation, im rechtlichen Sprachgebrauch die Herstellung, ist der vom Menschen (Produzent) bewirkte Prozess der Transformation, der aus natürlichen wie bereits produzierten Ausgangsstoffen (Rohstoff) unter Einsatz von Energie, Arbeitskraft und bestimmten Produktionsmitteln lagerbare Wirtschafts- oder Gebrauchsgüter (Ökonomisches Gut) erzeugt.“
Ich frage mich also, was produziert denn so eine Versicherung? Nichts. Sie verkauft eine Dienstleistung. Sie verkauft das Gefühl, abgesichert zu sein. Nichts weiter. Es ist also nicht gerechtfertigt, zu sagen, eine Versicherung produziere etwas anderes als Umsatz. In diesem Sinne aber ist der Begriff eine Metapher. Wieso also fällt dieser Begriff am laufenden Band?
Er ist ein rhetorischer Baustein einer Unternehmensstrategie, die auf dem Sicherheitsbedürfnis und der Angst der Bürger basiert und diese ausnutzt.
Das Rechtsempfinden des durchschnittlichen Menschen hält ihn normalerweise davon ab, die Schwäche der Menschen auszunutzen. Will eine Versicherung aber überleben, muss sie diese natürliche Hemmungen nachhaltig abbauen, sodass sich das gute Gewissen auf Dauer betäuben lässt. Genau diesem Zweck diente die Veranstaltung. Im falschen Begriff von der “Produktion” wird vom einzelnen Kunden, dem man das Geld aus der Tasche gezogen hat, abstrahiert, vom möglicherweise schweren Schicksal abgelenkt. Übrig bleiben die nackten Zahlen und genau hier offenbart sich das wahre Gesicht dieser Branche.
Es geht nicht einmal mehr im Ansatz um Dienstleitung, mit keinem Wort, keiner Andeutung wurde in den Ansprachen der Kunden gedacht, alles dreht sich um die Generierung von Umsatz, also den Verkauf von “Produkten”. Neben diesem psycholinguistischen Trick kamen auch zwei andere Mechanismen zur Anwendung. Gier und Anerkennung. Anerkennung in Verbindung mit der Möglichkeit des Aufstiegs aber auch die Angst vor persönlichem Versagen, die durch den Gruppendruck erzeugt wird, machen es leicht, moralische Bedenken beiseite zu lassen. Dass Gier blind macht, ist im Moment ja bei jedem Blick in die Medien zu bemerkten.
Schlimm war allerdings die schmierige Unterwürfigkeit, mit der alle Mitarbeiter den Spitzenkräften zujubelten und über die schlechten Witze des Chefs lachten. So laut, dass man glauben konnte, ein jeder versuche den anderen zu übertönen, um auch ja vom Chef bemerkt zu werden. Wenn man schon nicht der beste Verkäufer ist, dann kann man wenigstens versuchen, der erste Speichellecker zu sein.