Einträge zum Stichwort Eisige Höhen

Jon Krakauer – In eisige Höhen

geschrieben von homberle am Montag, 26 November, 2007

Ich bin fassungslos. Gerade habe ich das Buch zur Seite gelegt – denke ich – aber beim Blick auf die Uhr wird mir klar, dass ich seit fast 45 Minuten gedankenverloren vor mich hinstarre. Was hat dieses Buch mit mir gemacht?
Am Anfang war eine Dokumentation, die derzeit bei DMAX läuft. Eine kommerzielle Expedition zum Gipfel des Mount Everest. Eine handvoll Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit unterschiedlichsten Beweggründen haben dasselbe Ziel: einmal auf dem Dach der Welt stehen. Von der Intensität dieses Vorhabens gepackt, fand ich über Umwege Jon Krakauers “In eisige Höhen”. Der Journalist wird 1996 von der Zeitschrift “Outdoor” beauftragt, einen Artikel über das sich zu der Zeit größter Beliebtheit erfreuende kommerzielle Bergsteigen zu schreiben. Bei der Expedition, an der Krakauer schließlich im April und Mai 1996 teilnimmt, sterben 12 Menschen. Aus dem geplanten Artikel entsteht am Ende ein Buch, weil er die dramatischen Ereignisse nur so zu verarbeiten vermag.
In der ersten Hälfte der rund 400 Seiten wechselt Krakauer ständig zwischen der Historie des Bergsteigens, den Hintergründen einiger früherer Besteigungen und dem Weg zum Basiscamp auf über 5000 Metern und erster Akklimatisierungsversuche in noch größeren Höhen. Nicht zuletzt kümmert er sich um die feinfühlige Herausarbeitung der unterschiedlichen Charaktere seiner Expeditionsgruppe rund um den Leiter Rob Hall. Er erzählt haarsträubende Geschichten über Laien am Berg, die die Besteigung des Everest mit einem Sonntagsausflug in den Zoo verwechseln und diesen Irrtum mit dem Verlust von Körperteilen durch Erfrierungen oder gar dem Leben bezahlen. Krakauer schafft es mit vielen kleinen Exkursen auch den alpinistisch eher jungfräulichen Leser in den Bann dieser Sportart – insbesondere im Zusammenhang mit dem Mythos Everest – zu ziehen. Wie es die Träumer, die hoffnungslosen Romantiker oder einfach nur Verrückte auf diesen Berg treibt, immer auf der Suche nach etwas, dass sie auf dem Gipfel – oder auf dem Weg dorthin/von dort – zu finden glauben. Am Ende scheint auf jeden Fall jeder etwas zu finden: Erleuchtung, Genugtuung, Freude, Befriedigung, Selbstbewusstsein, Einsamkeit, Enttäuschung, unendlichen Schmerz, Tod.