Einträge zum Stichwort Gedanken

Duden-Stechen

geschrieben von lynkeus am Montag, 5 April, 2010

Wir setzen die Tradition des Bibel-Stechens in säkularer Form fort und veranstalten jetzt wöchentlich ein DUDEN-Stechen. Benutzt wird dabei vorerst Band 11: “Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten” (Mannheim 1998]. Hier also der erste “Stich”:

“sich in den Wichs werfen/schmeißen (ugs. ; veraltet: sich [für einen formellen Anlass] besonders gepflegt, festlich kleiden: ‘Heute Abend ist Empfang beim Bürgermeister, da wird wird man sich wohl oder übel in Wichs werfen müssen. [...].

Eine Propädeutik der Subversion

geschrieben von lynkeus am Mittwoch, 25 November, 2009

Der gemütliche Bereich des Kleinbürgers ist der Versuch, das Unvorhersehbare, das Unkalkulierbare, kurz das Chaos, zumindest aus dem privaten Leben zu verbannen. Die Wohnungstür, die Werkstadt vielleicht noch Stadtviertel oder Dorf sind die Bannmeilen, aus denen man das Chaos vertrieben wissen will, innerhalb derer es gesittet, ruhig und vor allem geordnet zugehen soll. Das Leben folgt klaren Regeln, es ist klar geregelt und wenn das ungehorsame Schicksal trotz der Menge an Verbannungsmagie zuschlagen sollte, so kann man sich heutzutage wenigstens gegen die Folgen versichern.

Umzug von Lynkeus-Turm

geschrieben von lynkeus am Montag, 19 Oktober, 2009

Ah, sieht schön aus hier.

Der Gedanke, das Blog auf “neutralem” Boden weiterzuführen, stand schon einige Zeit im Raum, aber aufgrund mangelnder technischer Kompetenz meinerseits zögerte ich. Seit Kurzem sind wir also Gast auf homberles server. Mit dem Umzug haben wir sicherlich ein Stück Unabhängigkeit gewonnen. Damit folgen wir einem der Grundprinzipien des Internets, wie ich es verstehe. Unabhängigkeit, ja Freiheit kann uns Google nicht bieten.

Kaufrausch, Kiesel, Kästner und Weber

geschrieben von lynkeus am Dienstag, 2 Dezember, 2008
“Die kapitalistische Wirtschaftsordnung braucht diese rücksichtslose Hingabe an den Beruf des Geldverdienens.” (M. Weber).
Wie rücksichtslos diese Hingabe ist, sehen wir gerade, da die Politik, der Steigbügelhalter der Wirtschaft, versucht, die Scherben einer geplatzten Spekulationsblase zusammenzukehren und Banken und anderen Firmen mit dem Geld der Bürger wieder auf die Beine zu helfen. Der Staat muss das tun, Opel nicht zu retten, wäre politischer Selbstmord. So geht die Erpressung des Staats durch die Wirtschaft weiter, als sei nichts gewesen. Doch es geht mir nicht um diese.
Der Kapitalismus ist nicht mehr einer von Firmen, die ein gutes Produkt herstellen wollen und damit Geld zu verdienen, sondern nur noch einer der bedindungslosen Profitmaximierung. Wie kreativ man dabei geworden ist, durfte ich heute in einem schwedischen Möbelhaus beobachten. Ich wollte den unvermeidbaren Gang so kurz wie möglich gestalten und eilte entsprechend schnell durch die gewundenen Gänge des Hauses, den Blick auf den Wagen vor mir gerichtet. Irgendwo lag ein Plastiknetz mit Kieselsteinen im Regal. Ein Kilo für 1,79€. Steine! Wer kauft Steine? Aber wenn sie im Regal liegen, dann gibt es auch bestimmt eine entsprechende Nachfrage, denn zufällig liegt dort wie anderswo nichts im Regal.
Mit diesem Gedanken im Kopf stand ich in der Schlange an der Kasse, vor mit zwei Mitdreißigerinnen, den Wagen voll mit Dekomaterial. Dinge, die man sonst nirgends bekommt. Servietten, Lichterketten, Kerzen…
Und während sie so dastehen, fällt der einen etwas ein. Sie rennt weg, kommt wieder mit irgendeinem Artikel, die andere jauchtzt vor Begeisterung und rennt ihrerseits davon. Wieder da, beglückwünschen sie sich gegenseitig zu dem ach so schönen Artikel. Sie reden lachend, bis eine der beiden wieder davonläuft und einen weiteren wundervollen Gegenstand anschleift, diesmal gleich doppelt. So spart man Zeit, denn man will noch die einzigartigen Hotdogs essen und im Schwedenshop Ikeaschips kaufen. Kaufrausch, ganz klar.
Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Lachend bestaunen sie das Netz mit den Kieselsteinen. Unfassbar. Die rücksichtslose Hingabe an den Beruf des Geldverdienens hat sich gelohnt, Glückwunsch Herr IKEA. Aber was wäre die beste Idee eines berufsmäßigen Geldverdieners ohne die Herde derer, die von dem Kakao auch noch trinken, durch den sie gezogen werden, wie Kästner einmal sagte: “Was immer auch geschieht – nie sollst Du soweit sinken, von dem Kakao, durch welchen man Dich zieht, auch noch zu trinken.”
Kästners Warnung bleibt ungehört. Sollen die Firmen doch Milliarden verheizen, solange man haben kann, was man haben will. Degeneriert zu einer Herde willenloser Konsumenten, braucht das Volk keine Propaganda mehr, die Werbung habt diesen Platz eingenommen. Man ist glücklich über die hübsch dekorierte Wohnküche, wenn am Wochenende Freunde zum Kochen kommen. “Reich mir mal den Rettich rüber.”

“Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach”

geschrieben von lynkeus am Samstag, 4 Oktober, 2008
Den ganzen trüben Sommer über fiel dieser Satz in so ziemlich jedem Gespräch, das ich führte. So häufig, dass er sogar auffiel. Erstaunlich wie flexibel dieses Sprichwort zu handhaben ist. In fast jedem Zusammenhang ist es anwendbar, aber das ist ja ein Charakteristikum fester Wortverbindungen.Was soll das heißen: bescheide dich mit dem, was du hast und strebe nicht nach dem weit Entfernten, Unerreichbaren, wenigstens aber schwer Erreichbaren. Gefährlich ist es, auf Dächern herumzulaufen und Vögel zu fangen. Da bleibt man doch lieber auf dem Boden und freut sich an dem kleinen Spatz in seiner Hand. Immerhin erscheint es für den Städter aus heutiger Sicht ohnehin irrwitzig zu sein, wegen einer Taube solch ein Risiko einzugehen. Sind doch Tauben für ihn bestenfalls lästig. Werden sie doch gerne als Flugratten bezeichnet, so gewinnt das Sprichwort nur noch mehr an Plausibilität. Tauben jagt man heute aus Gründen der Stadthygiene und man kommt ihnen doch nicht bei. Sie sind zäh und wenn auch nicht so schlau wie Ratten, so doch immerhin mindestens genauso widerstandsfähig gegen die hinterhältigen Nachstellungen, denen sie ausgesetzt sind.
Der Taubenzüchter dagegen dürfte den Kopf schütteln, wenn am Stammtisch mal wieder dieses Sprichwort fällt. Vielleicht ist ein Spatz noch nicht mal ein richtiger Vogel für den Vereinsmeier, der seiner Freizeitbeschäftigung nur in streng organisierter Form nachzugehen gewillt ist und mit einem an längst vergangene Zeiten erinnernden Rigorismus alles Störende oder Andersartige verdammt bis hin zum Wunsch nach Vernichtung. Wer schon mal einen Angler über Kormorane hat schimpfen hören, sie nähmen den Anglern den ganzen Fisch weg, weiß, wovon die Rede ist. Als ob der liebe Gott die Fische für den Angler erschaffen hätte.
Jede Gefahr würde der Taubenliebhaber auf sich nehmen, um seinen Vogel zu retten, ihn vom steilen Dach in die wohlbehütete Sicherheit des Käfigs zurückzubringen. Was sollte so einer mit einem Spatz. Mit sowas kann man bei der nächsten Geflügelschau keinen Blumentopf gewinnen.
Wenn aber der Taubenzüchter nicht aufbegehrt, sobald er das Sprichwort hört, so liegt das an der weitgehenden rhetorischen Entleerung des Satzes, der so abgedroschen ist, dass er jeden semantischen Wert eingebüßt hat und nur noch als rhetorisches Füllmaterial dient, vielleicht gerade noch als Eingeständnis der eigenen Sprachlosigkeit zu deuten ist.
Oft will man mit dem Sprichwort trösten. Freu dich an dem, was du hast, das ist doch auch schön. Aber ist das ein Trost? Mit diesem Sprichwort wird einem vielmehr eine Bescheidenheit aufgezwängt, die davon abhalten soll, seinen Zustand grundlegend zu überdenken. Denn das muss man, will man ihn ändern. Und genau diesen Mut zur Veränderung wird einem mit diesem Sprichwort in den Hals zurückgestopft, angereichert mit einer guten Prise Vorwurf der Unbescheidenheit. Wer mehr will, wird diesen Satz als Beleidigung auffassen, denn er glaubt sich ungerechtfertigt über seine Möglichkeiten und Verhältnisse erhoben zu haben, muss er sich dies Sprichwort von seinem Gegenüber anhören.
So ist dieser Spruch ein psycholinguistischer Trick mit dem Ziel den gesellschaftlichen Status quo zu erhalten. Jeder soll an seinem Platz bleiben, mit dem zufrieden sein, was er hat. Andere haben vielleicht mehr, sind reicher, mächtiger aber die haben doch auch ihre Probleme, hört man dann.
Ein Sprichwort als Mittel gesellschaftspolitischer Unterdrückung: dir gehört der Spatz, die Taube ist für einen anderen. Für jemanden, der sich auf dem gefährlichen Dach sicher zu bewegen weiß, so als ob der von der Natur aus mit einem feineren Gleichgewichtssinn ausgestattet wurde. Oder die Taube, dass sie weiß ist, werden wohl die meisten annehmen, kommt freiwillig von ihrem hohen Sitz herab, zu einem, der sie verdient. Wozu also den Spatz aufgeben für etwas, das in der weiten Ferne der Unwahrscheinlichkeit hockt. Man will nicht, dass sich die Menschen in die Unsicherheit einer ungewissen Zukunft begeben, denn das schadet dem Bestand des Staates. Somit ist dieser Spruch die Parole der staatliche Selbsterhaltung, der Aufrechterhaltung einer Ordnung, deren einziger Vorteil ist, dass es eben eine Ordnung ist und damit besser als jede Unordnung sein muss. Bei uns funktioniert dieses Sprichwort aber nur, weil hier jeder etwas zu verlieren hat. Oder das zumindest glaubt.
Der Spruch ist mehr als die Parole der Subalternen: er ist ein metaphorisches Traumverbot. Schlag dir das aus dem Kopf. Träume nicht von alten Zeiten oder neuen, träume nicht von dem Mädchen, das weit weg ist, träume nicht von Kunst, sondern geh’ arbeiten und freu dich über den Kunstdruck an der Wand. Begrabe dein handgeschriebenes Gedicht in der Schublade und so fort und so fort. Und so macht es mich wütend, wenn ich den Satz hören muss, erst recht, wenn er mir gilt. Bleibt doch mit euren Spatzen in der Hand auf dem sicheren Gehweg, ich klettere hinauf auf’s Dach. Kann schon sein, dass ich falle.
Besser wär’s, man drehte den Satz um: Lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand.

Gruß vom alten Werther

geschrieben von lynkeus am Freitag, 11 Juli, 2008

Wenn du fragst, wie Leute hier sind, muß ich dir sagen: wie überall!
Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden…

Erhebt euer Glas…

Europa III

geschrieben von lynkeus am Sonntag, 20 Januar, 2008
Erst nach einer Weile begannen die Männer zu begreifen, was da eben vor sich gegangen war. Der Marokkaner war weg. Abgehauen mit seinen Freunden in der kleinen weißen Yacht, die so elegant durch die Wellen schnitt. Am Bug lag seine blutige Taschenlampe, ein mit Schweiß, Speichel und Blut verdrecktes Zepter seiner Herrschaft. Ein schwarzer Beweis für seinen Verrat, kullerte die Taschenlampe im Bug hin und her.
Keinem der Männer war jetzt noch übel. Jeder der Männer fluchte in seiner eigenen Sprache und einer verstand den anderen in seiner Wut. Keiner der Männer wusste, was zu tun war. Kein Segel, kein Motor, kein Paddel an Bord.
Panik brach aus. Sie schrien und schlugen sich gegenseitig auf der Suche nach einem Ausweg. Als der erste über Bord ging, war es für einen Moment still. Dann riefen sie ihm nach, streckten ihre Hände nach ihm aus, fanden ihn nicht mehr, setzen sich wieder. Heftige Blitze schickten für Augenblicke weißes Licht über das schwarze Meer. Dann konnte man für einen Moment das Festland sehen. Da vorne lag es. Einer sah es, stand auf, zeigte hinaus aufs tosende Meer und rief. Europa! Die nächste Welle nahm ihn mit. Mit den bloßen Händen versuchten sie in Richtung Land zu paddeln. Man kann es schon sehen. Dort hinten. Nur noch ein kurzes Stück. Vielleicht eine Stunde, vielleicht weniger. Ihre in der Angst keimende Hoffnung trieb sie an, gemeinsam, ein letztes Mal. Sie kamen dem Land nicht näher. Im Gegenteil, es schien, als entfernten sie sich sogar davon. Der Sturm zog sie raus auf das offene Meer. Einer, der ganz vorne saß, stand auf. Er sprang einfach über Bord. Vorher rief er den anderen lachend etwas zu, das keiner verstand. Ihm folgten weitere. Manch einen sah man noch eine Weile lang, von den Wellen emporgehoben. Nur wenige konnten schwimmen. Die blieben sitzen. Endlich warf der Sturm das Boot um. Es kenterte und trieb kieloben im schwarzen Wasser. Zwölf Mann begrub es unter sich und gab sie nicht mehr frei. Was übrig war schrie. Sie klammerten sich aneinander. Zogen sich an dem anderen nach oben. So zog einer den anderen hinunter. Sie schluckten Wasser, schlugen wild um sich und versanken schließlich. Noch eine ganze Weile sah man den einen oder anderen, der schwimmen konnte, in Richtung Land schwimmen. Aber das Meer zog sie davon. Keiner von ihnen kam nach Europa.
Von den 40 Mann überlebte einer. Am nächsten Morgen trieb er in der friedlichen See, an eine schwarze Planke geklammert. Ein Frachtschiff aus Hamburg zog ihn an Bord. Beladen mit gebrauchten Autos lief es nach Dakar. Dort setzen sie den Mann an Land. Stumm ging er von Bord.

Europa II

geschrieben von lynkeus am Samstag, 19 Januar, 2008
Schwer war der große, dunkle Kahn und schwierig zu kontrollieren in der zunehmenden Dünung. Es dauerte eine ganze Weile, bis alle ihren Platz im Boot gefunden hatten. So geräumig es auch auf den ersten Blick ausgesehen haben mochte, nur mir großer Mühe fanden alle darin Platz. Vorne im Kahn gab der Marokkaner der weißen Yacht Lichtzeichen. Sie setzte sich in Bewegung, zog das schwarze Boot vom Strand hinaus in die offene See. Eng aneinander gedrängt hockten die Männer in ihrem schwarzen Boot.
Mit harter Stimme befahl der Marokkaner den Männern still sitzen zu bleiben. Wer nicht auf ihn hörte oder in Folge der beengten Platzverhältnisse einen Krampf bekam, den schlug der Marokkaner mit einer schweren, schwarzen Taschenlampe. Wo die Schläge seiner Lampe nicht hinreichten, schlugen die Nachbarn auf den Missetäter ein. Jede Bewegung übertrug sich auf die anderen, die ihrerseits auswichen und dabei wieder andere anstießen. So gingen fluchende Wellen aus Zorn durchs Boot, die der Marrokaner am Bug mit seiner schweren, schwarzen Taschenlampe brach. Die um ihn herumsaßen, bekamen alle Schläge ab. Sie bluteten am Kopf, aus der Nase. Unfähig sich bei der Enge die Arme schützend vor’s Gesicht zu heben, versuchten sie ihren Kopf weg zu drehen. In ihrer Wut stießen sie den Nachbarn, der doch genauso litt und genauso hilflos war.
Der Seegang nahm zu. Vielen wurde übel. Alle hatten Angst. Aber ihre Hoffnung war stärker. Sie schlug der Angst unerbittlich ins Gesicht, wie es der Marokkaner mit den anderen tat, bis sie kuschte und für eine Weile Ruhe gab.
Wie viele Widrigkeiten hatten sie nicht durchgemacht, um an den in ihrem Rücken versinkenden Strand, in dieses Boot, zu kommen. Hunger, Hitze, Durst, Demütigung und Gewalt. Alles das hatten sie ertragen und sie würden wohl auch das bisschen Übelkeit und die Enge überstehen. Zwei, drei Stunden, hatte der Marokkaner gesagt, würde die Überfahrt dauern, nur zwei Stunden noch! Für einen kurzen Moment schien der Mond durch die aufreißenden aufreißenden. Schwere, schwarze Wolken zogen auf, die See wurde unruhig. Der Kahn stampfte, krängte, rollte zunehmend.
Keiner der Männer war je auf dem Meer gewesen. Sie wimmerten, weinten, beteten, kotzen vor Übelkeit auf den Rücken des Vordermanns. Durch den aufziehenden Sturm zog die weiße, schnittige Yacht den behäbigen, überladenen Kahn, eine Stunde vom Land entfernt. Da machte die weiße Yacht kehrt, lief direkt auf den Kahn zu. Als sie nahe genug war, sprang der Marokkaner ins Wasser, erreichte mit ein paar Zügen im schäumenden Meer die kleine weiße Yacht. Noch während er an Bord kletterte, kappte man die Leine. Die kleine weiße Yacht nahm Fahrt auf und schnitt elegant durch die hohen Wellen. In einem weiten Bogen nahm sie Kurs auf zurück und verschwand nach ein paar Minuten im stürmischen Grau des Ozeans.

Europa I

geschrieben von lynkeus am Freitag, 18 Januar, 2008

Da dieser Text die hochverehrten Juroren eines bedeutenden Literaturwettbewerbs offenbar doch nicht überzeugen konnte, lege ich ihn, der besseren Lesbarkeit halber in drei Teilen, den geneigten Lesern dieses Blogs vor, damit er nicht in der Schublade verstaubt und vergessen wird.

Servus, Edi

geschrieben von lynkeus am Sonntag, 30 September, 2007
Endlich ist es soweit. Die Menschen in Deutschland und vor allem in Bayern sollten sich freuen, denn heute tritt einer ab, der weniger durch sein sich selbst beschertes milliardenschweres Abschiedsgeschenk in Erinnerung bleiben wird, das ihn allerdings als das auszeichnet, wofür er stand: Kumpanei, Anbiederung an die Wirtschaft, blauäugige und kurzsichtige Politik. Politisch blind, immer auf Berater angewiesen wird er in seiner Unfähigkeit nur noch vom amtierenden Ministerpräsident unseres Ländchens übertroffen. Polit-zombies wie Öttinger oder eben der scheidende Edmund Stoiber sind eine Schande für eine gesunde Demokratie und ihr beider Beispiel zeigt nur, wie schädlich große Mehrheiten und jahrzehntelange Vorherrschaft in einem Land, für ein Land sind.
All das sei nun vergessen, sollen andere auf Edmund draufhauen, dafür ist hier kein Platz. Für mich wird Edmund Stoiber nicht als Politiker in Erinnerung bleiben, sondern als Beispiel für einen stetigen Kampf mit der eigenen Muttersprache. Als Redner mit einer ins Pathologische reichenden verbalen Inkompetenz geschlagen, muss für ihn die deutsche Sprache stets eine Herausforderung bleiben. Diese hat er angenommen und uns allen gezeigt, dass Arbeit an der Sprache nicht nur deren Schwierigkeiten deutliche macht, sondern vor allem auch ihr kreatives, ja letztliche poetisches Potential offenbart. Ich möchte Stoiber als Sprachschöpfer in Erinnerung behalten, dessen unfreiwillige verbale Fehltritte in die Nähe zu Loriots sprachlichem Witz zu stellen sind. Man kennt und amüsiert sich über den “Problembären”, ein knuddeliger Begriff für die Unfähigkeit des Menschen die Natur beherrschen zu wollen und ein Zeichen für die dahinterstehende Hybris, die sich seit mindestens 200 Jahren im europäischen Menschen dauerhaft festgesetzt hat.
Mein persönlicher Favorit ist allerdings die “gludernde Lot”. Der betreffende Abschnitt sei hier mitgeteilt:

“Es muss zu schaffen sein, meine Damen und Herren,

Dopingmittel Email

geschrieben von lynkeus am Freitag, 14 September, 2007
Ich weiß, eigentlich ist dieses Blog nicht dazu da, tagesaktuelle Geschehnisse zu kommentieren
und bewerten, dennoch kann ich bei dieser Geschichte nur schwerlich schweigen. Es ist nur
wenige Wochen her, seit in einer anderen Sportart die aktuelle Rundfahrt als “Tour de Farce” in
die Radsportgeschichte eingegangen ist. Da wurden Sportler des Betruges bezichtigt, weil sie
sich durch die Einnahme/Infusion von – für diesen Sport – verbotener Mittel, einen Vorteil verschafften. Ergebnis war nun, dass sie ausgeschlossen und mit einer Sperre belegt wurden.
Schön. Richtig so. Meiner Meinung nach gibt es bei offensichtlich nicht ausreichenden Kontrollmöglichkeiten nur zwei Wege: Entweder bei jedem Verdacht, sei er noch so gering, einen sofortigen Ausschluss des Sportlers zu erwirken – oder einfach alles zuzulassen, was der Leistungssteigerung hilft.

Jetzt machte aber in einer von Grund auf unterschiedlichen Disziplin ein für meinen Geschmack ganz ähnlicher Fall die Runde. Da bewegen sich kleinwüchsige Männer nicht auf zwei, sondern auf vier Rädern. Hier ist nicht menschliche Muskelkraft und Ausdauer gefordert, vielmehr die von Pferden, wenn man der Abkürzung “PS” glauben darf. Auch hier wurde sich durch das Anwenden verbotener Mittel und Wege ein Vorteil verschafft. Nur dass in diesem Fall nicht der Fahrer, sondern sein Team bestraft wurde. Ein in vieler Hinsicht fragwürdiger Weg, dem zu begegnen. Laut Bekundungen seitens der FIA wurde hier die Kronzeugenregelung angewendet. So hat der Quadratschädel Alonso, seines Zeichens kleiner Spanier und Doppelweltmeister im Glückhaben, durch seine Aussagen erreicht, dass er für mich auf ewig als Betrüger und Lügner dastehen wird – was aber viel wichtiger für den Fall ist – er kommt ungeschoren davon.

Fragment

geschrieben von lynkeus am Donnerstag, 23 August, 2007
Roderich, König der Westgoten, betrat eine Kapelle in seiner Residenz Toledo. Dort befand sich ein Kistchen, das verschlossen bleiben sollte. Angeblich enthielt es eine Schriftrolle mit einer bedeutungsvollen Verheißung. Oft stand in diesen schweren Zeiten vor dieser schmucklosen Kiste im prächtigen Mantel der König Roderich , doch in dieser Nacht konnte er seiner Neugier nicht mehr länger standhalten. Mit starker Hand brach er das Siegel, entnahm das Pergament und las: “Dein Reich wird untergehen, deine Familie in alle Welt zerstreut, dein Gold geraubt, deine Kirche geschändet.”
Ruhig ging er in dieser Nacht zu Bett, gelassen ritt er am nächsten Morgen in die Schlacht. Er focht mutig und fiel.
Roderich war der letzte König der Westgoten.

Poesie + X

geschrieben von lynkeus am Freitag, 3 August, 2007
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigt sich in seiner Halbjahresbilanz zufrieden was die wirtschaftliche Entwicklung des deutschen Buchmarktes betrifft. 9,3 Milliarden Euro wurden auf dem deutschen Buchmarkt 2006 umgesetzt, etwas mehr als ein Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr. Das dritte Jahre in Folge konnte die Branche “ein leichtes Plus” erwirtschaften. Na dann, herzlichen Glückwunsch.
Von diesem Aufwärtstrend profitieren die kleineren Buchhandlungen am wenigsten, der Vertrieb via Internet kann am meisten zulegen. Aber das ist ein anderen Thema.
Wenn mehr Bücher gekauft werden, darf man wohl auch annehmen, dass mehr gelesen wird als früher. Das ist doch eigentlich erfreulich.
Allerdings sollte man nicht vergessen, dass auch der Verkauf von Hörbüchern zu der positiven Entwicklung auf dem deutschen Buchmarkt beigetragen hat. Dieser Begriff “Hörbuch” kommt mir paradox vor. Wenn ich mir ein sogenanntes Hörbuch anhöre, was tue ich dann? Höre ich das Buch, wie ich es lese? Kann ich ein Hörspiel lesen, wie ich es anhöre? Beides kann nicht gelingen (man sollte ein Hörbuch vielleicht eher “Lesbuch” nennen).
Ein Hörbuch hat mit dem Lesen nicht mehr zu tun als eine Literaturverfilmung mit dem zugrundeliegenden Stück oder Roman. Nennen wir deshalb einen solchen Film Sehbuch? Hörbuch und Film haben mit einem Buch fast nichts gemein. Beide kürzen, schmücken aus mit den jeweiligen Mitteln, die dem Medium zu Gebote stehen. Das Hörbuch in die Nähe eines Buches zu rücken ist nur auf den ersten Blick gerechtfertigt. Im besten Fall hört man denselben Text, wie er auch im Buch abgedruckt ist. Das war’s aber auch schon. Hörbuch wie Literaturverfimung haben, so angenehm oder so gut gemacht sie auch sein mögen, einen großen Mangel.
Dieser Mangel besteht darin, dass die Phantasie des Hörbuch-Lesers (??) oder Lesbuch-Hörers (??) nicht nur gelenkt, das ist ja legitim, sondern geradezu blockiert wird. Der Aufwand ein solches Produkt zu konsumieren ist daher viel geringer, als es das Lesen ist. Man kann ein Hörbuch schlicht und einfach schneller hören, als man die Vorlage lesen könnte. Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ist ein Hörbuch als wesentlich attraktiver, weil es 1. billiger herzustellen ist und 2. eine potentiel höhere Nachfrage generiert wird. Das Hörbuch degeneriert Literatur vollends zu einem Produkt, das hauptsächlich zur Befriedigung niederer Instinkte dient, oder zur Abwehr gegen Langweile eingesetzt werden kann. Allerdings ist das lediglich das Endstadium eines Prozesses, der so alt wie der kommerzialisierte Vertrieb von Büchern selbst ist.
Was dem Lesen heutzutage fast gänzlich verloren zu gehen droht, ist die Fähigkeit Literatur als Kunst zu begreifen. Das hat wohl zwei Gründe. Zum einen lässt die Massenware Buch ästhethische Aspekte zugunsten des einfachen Konsums unter den Tisch fallen, zum anderen sind leider viele Leser gar nicht mehr in der Lage, den künsterlischen Wert von Literatur zu erkennen, wenn er nicht im Klappentext angegesprochen wird. Oder sie versuchen diesen Wert anhand von Bestsellerlisten zu ermitteln.
Was hier mit Phantasie bezeichnet worden ist, ist im Grunde ein Komplex zusammengesetzt aus vielen, zum Teil sehr unterschiedlichen Emotionen und Kompetenzen, die den Menschen zu dem zurückführen, was Literatur in seiner ursprünglichen Form einmal gewesen sein mag: Erfahrung des Göttlichen. Aus einem Drang zur begrifflichen Bestimmung der feindlichen Umwelt heraus geboren, ist Kunst im Allgemeinen und die Literatur im Speziellen etwas von Anfang am Göttlichen Ausgerichtetes. Der frühe Mensch konnte, und der heutige kann diese ebenso, sich in der Kunst über die Natur erheben und sich so einer irgendwie gearteten göttlichen Kraft verwandt oder gar, im Akt künsterlischen Schaffens gleichgestellt fühlen. In diesem Spannungsfeld bildet sich das Vermögen Kunst nicht nur zu schaffen, sondern auch zu erfahren und zu genießen. Und genau diese Fähigkeit zum ästhethischen Genuß geht leider vielen Lesern heute ab, woraus Schiller in einem Brief an Goethe eine interessante Forderung ableitete:

“So viel ist auch mir bei meinen wenigen Erfahrungen klar geworden, daß man den Leuten, im ganzen genommen, durch die Poesie nicht wohl, hingegen recht übel machen kann [...]. Man muß sie inkommodieren, ihnen ihre Behaglichkeit verderben, sie in Unruhe und in Erstaunen setzen. Eins von beiden, entweder als ein Genius oder als Gespenst muß die Poesie ihnen gegenüberstehen.” (17.8.1797)

Stein des guten Glücks oder Polarität und Steigerung

geschrieben von lynkeus am Dienstag, 31 Juli, 2007

Am 5. April 1777 schrieb Goethe in sein Tagebuch: „ἁγαθη τυχη [Agathe Tyche] gegründet!“ An diesem Tag stellte er im Garten seines 1776 erworbenen Häuschens im Park an der Ilm einen einfachen Sandsteinquader auf, auf dem sich eine Kugel befindet. Gewidmet ist dieses Denkmal eben der Tyche Agathe. Tyche ist die antike Göttin des guten oder bösen Schicksals, kurz des Zufalls. Viele Städte huldigten ihr. Gerade die abstrakte Form des Denkmals, welches auch als „Altar des guten Glücks“ bezeichnet wird, verweist auch ohne die Widmung auf die launische Göttin. Im Altertum wurde Tyche oft auf einem Rad oder einer Kugel dargestellt. Symbol für die Wechshaftigkeit, Unbeständigkeit ihrer Gunst und damit zugleich ein stiller Hinweis auf die mögliche Vergeblichkeit des dargebrachten Opfers. Im Unbeständigen liegt ihr Wesen.
Für sein Denkmal kombiniert Goethe die Kugel mit einem weiteren geometrischen Objekt, mit einem Quader. Die Kugel ruht auf dem Quader. Er steht für Ruhe, Beständigkeit, Verlässlichkeit, Ausgeglichenheit, während die Kugel das Unbeständige, die rast- und ruhelose Bewegung, allgemein das Wechselhafte in der Welt darstellen soll. Der Stein des guten Glücks zeigt uns die Kugel in Ruhe auf dem Quader verharren, wie es die Natur eines Denkmals als statisches Gebilde naturgemäß fordert. Auf den ersten Blick erkennt der Besucher des schönen Gartens, in dem das Denkmal bis heute steht, dass hier zwei sehr unterschiedliche, wenn nicht gar entgegengesetze Dinge begegnen. Gerade Ebenen und scharfe Kanten des Quaders treffen auf die vollkommene Form der Kugel. Beständigkeit und Ruhe treffen auf das Unstete und Wechselhafte. Festigkeit, Standhaftigkeit auf das rastloses Getriebenwerden wechselnder Begierden und launisches Glück.
Aber nicht die Auflösung beider Pole im Moment ihres Zusammenfalls soll das Denkmal anzeigen und somit auf einen der Welt enthobenen Zusatnd der Existenz des Menschen verweisen. Im Moment der Begegnung des Gegensätzlichen entsteht etwas Neues, das über der Dialektik der Polarität steht. In der Synthese verbinden sich die Gegensätze zu einem Höheren. In diesem Denkmal, das in seiner Form so einfach gehalten ist, kann man einen Grundzug nicht nur von Goethes Weltanschauung, sondern vor allem eine fundamentale Grundlage seines Schreibens erkennen, die gerne in den Worten „Polarität und Steigerung“ zusammengefaßt wird.
Das launische Schicksal wird von der ruhigen Beständigkeit begrenzt, diese von jenem belebt und erweitert, so dass aus der Verbindung beider Prinzipien etwas Neues entsteht, was viel mehr ist als die Summe beider Pole: Ein dem äußeren Zufall wie den inneren Dämonen enthobenes Glück, das auf der Basis von Ruhe, Güte und Beständigkeit ein dauerndes Gleichgewicht finden kann. Das Stillstehen der Kugel auf dem Quader macht genau das deutlich.
Goethe ließ dieses Denkmal aus weniger abstrakten Gründen aufstellen. Er sah sein unstetes Dasein, seine leidenschaftliche Emotionalität, sein Getriebensein in der Liebe zu Charlotte von Stein geläutert.
Freilich steckt hier bereits der Kern für ein weiteres Gurndmotiv Goethescher Dichtung verborgen, das ihn der Umgang und die letztlich unglückliche, weil unerfüllte Liebe zu Charlotte von Stein gelehrt hatte: Entsagung.

In die Sprache zurück – Fragment zur Theorie des Unsagbaren

geschrieben von lynkeus am Sonntag, 1 Juli, 2007

Das Grimmsche Märchen „Die Drei Männlein im Walde“ beginnt mit dem Satz, Es war ein Mann, dem starb seine Frau; und eine Frau, der starb ihr Mann; Die brutale Lakonik des Satzes macht betroffen, ja erschüttert. Der Leser mag sich schwer tun weiter zu lesen, der klare, parallele Aufbau und die einfache, keiner Schminke fähige, brutale Feststellung macht betroffen. Dem klaren Aufbau steht aber ein inhaltliches Paradox entgegen, wenn man stillschweigend annimmt, dass Mann und Frau in einer Verbindung zueinander stehen. Starben beide gleichzeitig. Gibt dieser Satz etwa einen Hinweis auf eine schreckliche Tragödie?